Im ersten Teil dieser Artikelreihe ging es um den Buddhismus in Südostasien – die Hauptreligion in den meisten Ländern dieser Region. Wir schreiben diese Beiträge, um dich ein wenig aufzuklären und vor allem um dich vor eventuell falschem Verhalten und peinlichen Situationen auf Reisen zu bewahren.

Hinduismus in Bali/Südostasien: ein Überblick sowie einige Verhaltensregeln

Heute geht es um den Hinduismus, der im Vergleich zu den anderen Religionen eher nur einen kleinen Prozentsatz ausmacht. Am häufigsten Vertreten ist er auf der indonesischen Insel Bali (mehr dazu weiter unten im Artikel). Daher ist es gerade für eine Bali-Reise ratsam, die Verhaltensregeln zu beachten.


Allgemeines zum Hinduismus in Südostasien

Der Hinduismus ist mit etwa einer Milliarde Anhängern die drittgrößte Weltreligion und auch eine der ältesten. Es gibt im Gegensatz zu den meisten Weltreligionen keinen offiziellen Stifter, denn die Religion hat sich über lange Zeit so entwickelt. Der Hinduismus ist in keinem der südostasiatischen Länder die Hauptreligion. Trotzdem gibt es kleine Hindu-Minderheiten in fast jedem der Länder dieser Region. Dazu zählen hauptsächlich Singapur, Malaysia und Indonesien (Bali). Aber auch in Thailand oder Myanmar, wenn auch deutlich weniger.

Sri Aruloli Thirumurugan Temple auf dem Penang Hill in Malaysia
Sri Aruloli Thirumurugan Temple auf dem Penang Hill in Malaysia

Während der Hinduismus (als Mischform mit dem Mahayana-Buddhismus) vor über 1000 Jahren im Khmer-Königreich, vor allem im heutigen Kambodscha, weit verbreitet war, spielt er dort heute kaum noch eine Rolle. Weltbekannte Tempelanlagen wie z.B. Angkor Wat waren einst hinduistische Tempel bzw. hinduistischen Göttern gewidmet. Auch große Teile Indonesiens waren vor langer Zeit hinduistisch geprägt. Selbst dort findest du mit dem Prambanan Tempel noch die Überreste dieser Zeit. Prambanan gehört sogar zu den größten Hindu-Tempelanlagen Südostasiens.

In Singapur und Malaysia leben viele Inder, die ihre Traditionen und ebenfalls den Hinduismus in diese Länder brachten. Dementsprechend findest du besonders in Singapur, Kuala Lumpur und vielen anderen Orten Malaysias Hindu-Tempel. Zu den bekanntesten zählen der Sri Mahamariamman in Kuala Lumpur und Singapur. Doch auch Bangkok z.B. hat mit dem Mariamman Temple (unter Thais oft „Wat Khaek“ genannt) einen schönen Tempel für die hinduistische Minderheit zu bieten.

Hinduistische Figuren und Statuen im Sri Mahamariamman Tempel in Kuala Lumpur, Malaysia

Gebetshalle in den Batu Caves, Kuala Lumpur (Malaysia)
Gebetshalle in den Batu Caves, Kuala Lumpur

Hinduismus in Bali

Auf Bali ist der Hinduismus allgegenwärtig und über 90% der Einwohner sind Hindus. Du wirst es sofort sehen und riechen, sobald du balinesischen Boden betrittst, denn selbst die Flughafengebäude sind voll von Räucherstäbchen, Opfergaben und hinduistischen Statuen.

Opfergaben im Pura Puseh Tempel in Batuan, Bali (Indonesien)
Opfergaben im Pura Puseh Tempel in Batuan, Bali

In Bali herrscht eine Sonderform des Hinduismus, die es auch nur dort (und teilweise auch im Osten Javas/im Westen Lomboks) gibt: die sogenannte Hindu-Dharma-Religion. Diese ist sehr komplex und undurchsichtig. Hierbei handelt es sich um eine Mischung aus Hinduismus, Buddhismus und Animismus, wobei die hinduistischen Elemente natürlich stark dominieren. Die Balinesen glauben sowohl an die Existenz von Göttern (Brahma, Vishnu und Shiva sind die Hauptgötter) als auch von Dämonen. Diese leben im Gleichgewicht von Gut und Böse und keine dieser Seiten ist dominierend, denn im Hindu-Dharma-Glauben muss es beide Gegensätze auf der Welt geben. Dieses Ordnungsbild der Welt und vom Universum ist auf Bali unerschütterlich und wird „Dharma“ und „Adharma“ genannt. Wie im Buddhismus, besteht auch im Hinduismus der Glaube an Karma/Wiedergeburt.

Zeremonie im Pura Gunung Sari Tempel auf Lombok
Zeremonie im Pura Gunung Sari Tempel auf Lombok – rechts ist der Priester zu sehen

Überall auf Bali findest du Hindu-Tempel, die einfach einzigartig sind und selbst das kleinste Dorf besitzt einen „Pura“ (das indonesische Wort für Tempel). Angeblich gibt es auf Bali insgesamt etwa 20.000 Tempel! Auch an jeder Ecke gibt es kleine Schreine und selbst Bäume oder Felsen können als Wohnort von Geisterwesen gesehen werden. Hier werden die animistischen Einflüsse aus vergangenen Zeiten sehr deutlich. Heilige Objekte erkennst du immer an dem gelben oder karierten Tuch, so dass du diese nicht berühren solltest.

Die meisten Familien besitzen einen Haustempel und je größer der Tempel, desto wohlhabender ist die Familie. Bekannte Tempel auf Bali sind z.B. Uluwatu (Pura Luhur Uluwatu), Pura Tanah Lot, Pura Ulun Danu Bratan, Pura Tirta Empul oder, einer der bedeutendsten und heiligsten, Pura Besakih.

Der Tanah Lot Wassertempel auf Bali (Pura Tanah Lot)
Der Tanah Lot Wassertempel auf Bali

Jeder Tempel auf Bali hat eine besondere Anordnung und wird strikt nach dieser gebaut. Gleichzeitig haben die Tempel Türme/Pagoden, die sich „Meru“ nennen. Die Dächer dieser Merus haben eine bestimmte, ungerade Anzahl, je nachdem welchem Wesen oder Gott sie gewidmet sind. Die mit 11 Merus wichtigsten Tempel sind den Hauptgöttern der hinduistischen Dreifaltigkeit Brahma, Vishnu (auf Indonesisch Wisnu) und Shiva (Siwa) gewidmet. Auch auf Lombok gibt es übrigens einen Tempel mit 11 Merus, den Pura Meru, denn in der Hauptstadt Mataram sind etwa 14% der Einwohner Hindus. Dies wird besonders im Stadtteil Cakranegara deutlich.

Der Pura Meru Tempel auf Lombok, Indonesien
Der Pura Meru Tempel auf Lombok

Falls du schon auf Bali warst oder zumindest mal Fotos von Bali gesehen hast, sind dir bestimmt sofort die kleinen aus Palmenblättern gemachten Schalen aufgefallen. Sie sind Opfergaben und nennen sich auf Indonesisch „Canang Sari“. Die Balinesen platzieren sie jeden Tag vor Häusern, in Tempeln und selbst am Straßenrand, um sowohl den Göttern als auch den Dämonen für das Gleichgewicht in der Welt zu danken und sie zu besänftigen. Es ist fast selbstredend, dass du nicht drauftreten oder sie mit Füßen berühren solltest.

Canang Sari Opfergaben auf Bali, Indonesien
Auf Bali überall zu finden: Canang Saris

Der Alltag in Bali ist geprägt von der Religion und somit spielen balinesische Feiertage eine noch wichtigere Rolle. Die bekanntesten Feiertage auf Bali sind Galungan und Nyepi. Nyepi ist das balinesische Neujahr, das etwa im März stattfindet. Mehr Infos dazu findest du in unserem Blogartikel über Nyepi. An diesen Tagen gehen die Menschen in den Tempel aber auch ans Meer, um zu beten und die Götter mit Opfergaben zu besänftigen.

Dos and Don’ts in hinduistischen Tempeln

Wie in buddhistischen Tempeln, gibt es natürlich auch in Hindu-Tempeln einige Dinge zu beachten. Halte dich immer daran, damit du nicht in ein Fettnäpfchen trittst.

Innengelände des Pura Dalem Agung Tempels auf Bali
Pura Dalem Agung auf Bali
  • In jedem hinduistischen Tempel Balis gibt es eine Kleiderordnung: Sarong oder Tempelschärpe sind immer Pflicht. Gegen eine kleine Spende kannst du dir einen Sarong oder eine Schärpe ausleihen. Falls du einen eigenen Sarong besitzt, kannst du auch diesen benutzen.
  • Auch Frauen müssen einen Sarong tragen. Selbstverständlich ist es in jedem Tempel ein No-Go zu aufreizend gekleidet zu sein, auch die Schultern sollten bedeckt sein. Du solltest auf keinen Fall mit Bikini in einen Tempel gehen oder in die Nähe einer religiösen Zeremonie.
  • In vielen Hindu-Tempeln gilt es grundsätzlich, die Schuhe oder Flip-Flops auszuziehen, zumindest in der Haupt-Gebetshalle. Das betrifft nicht immer balinesische Tempel, da diese immer nach oben hin geöffnet sind/im Freien liegen. Achte einfach auf die Schilder oder orientiere dich an den anderen Besuchern.
  • In einigen hinduistischen Tempeln ist es verboten, Fotos zu machen – halte dich bitte daran, wenn es der Fall sein sollte.
  • Fotografiere auch keine betenden Menschen oder nur mit deren Einverständnis.
  • Laufe auch nicht vor betenden Menschen herum oder stelle dich nicht vor sie.
  • Solltest du als Frau deine Periode haben, betrete niemals einen balinesischen Tempel! Allgemein ist jede offene Wunde am Körper, wo Blut ausfließen kann, ein Verbot für einen Tempelbesuch. Menschliches Blut im Tempelgelände würde zu einem aufwändigen religiösen Reinigungsprozess führen und dir womöglich eine Menge Ärger einbringen.
  • Bestimmte Bereiche dürfen in balinesischen Tempeln nicht betreten werden, das sind z.B. höher stehende Altare. In Tempeln mit vielen Touristen wird dies auch wahrscheinlich ausgeschildert sein.
  • Zeige mit deinen Füßen niemals auf Menschen, Gottesbilder oder sonstige heilige Objekte.
  • In balinesischen Tempeln gibt es während einer Zeremonie immer einen Priester (Mangku). Es wäre extrem unhöflich, wenn dein Kopf nicht niedriger als der vom Mangku ist. Halte deinen Kopf also immer niedrig und wenn du an einem Priester vorbeigehst, dann senke deinen Kopf.
  • Sei nicht laut, albern oder schreie nicht herum. Mache keine übertriebenen (Yoga) Posen vor hinduistischen Gottesstatuen.
  • Die Swastika ist kein Hakenkreuz! Es ist ein hinduistisches Glückssymbol, das in Hindu-Tempeln (und teilweise auch buddhistischen) ganz normal ist.
  • Trete nicht die Opfergaben mit den Füßen oder berühre sie.
  • Hinterlasse eine Spende und sei nicht zu geizig.
Swastika in einem balinesischen Hindu-Tempel auf Lombok
Swastika in einem Tempel
Hanuman Statue auf Langkawi, Malaysia
Hanuman Statue auf Langkawi, Malaysia

Hinduismus und Buddhismus in Thailand (und teilweise anderen Ländern des südostasiatischen Festlandes)

Auch in thailändischen Tempeln (z.B. im Wat Arun in Bangkok) kannst du hin und wieder auf hinduistische Statuen treffen. Oft handelt es sich dabei um den freundlichen Elefantengott Ganesha, aber auch Abbilder von Brahma sind häufig zu sehen. Eine ganz bekannte Brahma Statue in Bangkok ist der Erawan Schrein. Doch wieso gibt es so viele hinduistische Einflüsse in einem buddhistischen Land?

Grundsätzlich sind der Buddhismus und Hinduismus zwei verschiedene Religionen. Doch sie haben einige Gemeinsamkeiten und eine überlappende Kosmologie, was schon mal ein Grund dafür ist. Grob gesagt, ist der Buddhismus aus dem Hinduismus heraus entstanden, denn der Gründer Siddhartha Gautama, der heute als Buddha selbst bekannt ist, lebte im Norden Indiens und lernte zunächst von Hindus. Als er schließlich die Erleuchtung erlangte, ist das Dharma entstanden, das gesamte buddhistische Daseinsgesetz und somit der Buddhismus. Übrigens: Auch Buddha wird im Hinduismus verehrt, denn er gilt dort als die neunte Inkarnation Vishnus auf der Erde.

Ganesha Statue in einem Tempel in Thailand
Ganesha Statue (Phra Phikanet) in Thailand

Warum nun die Statuen? Wie anfangs erwähnt, war das Khmer-Reich hinduistisch geprägt. Dieses Reich hatte einen großen Einfluss auf das frühe Thailand, so dass der Hinduismus bzw. Glaube an hinduistische Gottheiten sich teils manifestiert hatte und bis heute besteht. Das ist auch kein Problem, denn es gibt keinen Konflikt zwischen der Gottesverehrung und den ursprünglichen Lehren Buddhas (Dharma). Hinzu kommt, dass viele Thais auch einfach sehr abergläubisch sind. Beispielsweise soll es Glück und Wohlstand bringen, den Gott Ganesha (auf Thailändisch Phra Phikanet genannt) zu verehren. Der Hindu-Gott Brahma gilt im Buddhismus als Deva (Gotteswesen) und wird somit ebenfalls verehrt, neben einigen weiteren.

Wie du siehst, ist der gegenseitige Einfluss vom Hinduismus und Buddhismus sehr stark und gerade beim Buddhismus gibt es in vielen Ländern Südostasiens keine „reine“ Form. Hinzu kommt noch der Animismus, der ebenfalls seine Spuren hinterlassen hat – sowohl im Hindu-Glauben als auch im Buddhismus.

Hindu-Schrein und Kuan Yin Statue in Penang, Malaysia
Wenn Hinduismus auf Buddhismus trifft: Hindu-Schrein und Kuan Yin Statue in Penang

In Teil 3 dieser Artikelreihe werden wir uns dem Islam in Südostasien widmen.

Hast du noch weitere Fragen zum Hinduismus in Südostasien? Schreibe sie gerne in die Kommentare, wir versuchen sie bestmöglich zu beantworten.